header

Hope

John stellt krachend einen Zehnerpack goldene Millerdosen auf den Schreibtisch, auf dem nur noch ein paar vereinzelte Obamasticker und eingerissenen Flyer liegen. Es ist Acht Uhr am 4. November, die Wahllokale haben in Ohio seit einer halben Stunde geschlossen. Das Buero ist nur bis heute gemietet, deshalb ist es schon fast gerauemt, dier ersten Freiwilligen sind nach Hause gegangen um die Wahlergebnisse vor dem Fernseher zu verfolgen.

John, der in Kopenhagen wohnt und eigens fuer die Kampagne angereist ist, hat nur eine Sache zu bemaengeln: “Wir sind fast wie ein Familie hier im Buero, aber ein fehlt: in Daenemark hatten wir einen Kasten bier heir stehen” Deshalb hat der Rentner jetzt selbst die Initiative ergriffen und bei der Tankstelle gegenueber eingekauft. Im Autoradio sind die ersten Ergebnisse zu hoeren, Pennsylvania geht an Obama, New Hampshire auch. Es sieht gut aus, aber noch traut sich im Buero keiner, seine Vorfreude offen zu zeigen. Schliesslich sah es fuer Kerry auch lange gut aus. John war auch vor vier Jahren hier, um fuer die Kampagne zu arbeiten, damals erfolglos, Ohio ging an Bush und Kerry verlor die Wahl. Diesmal sagt er: ” Wenn Obama verliert, werden mich meine Freunde in Daenmark auslachen, weil ich wieder hergereist bin. Aber wenn er gewinnt und  dann auch noch wegen Ohio…” Ein Laecheln schleicht sich auf das Gesicht des 72-jaehrigen Antropologen.

Noch sind in vielen Swing States die Ergebnisse zu nah beieinander, um offiziell gemacht zu werden. Aber wenig spaeter wird Ohio, einer der am haertesten umkaempften Staaten fuer Obama prognostiziert. Ich rufe im Buero an, um den radiolosen Wahlkaempfern Bericht zu erstatten und lauter Jubel brandet auf, als Mike die Nachricht weitergibt. Kann es wirklich sein, dass sie es diesmal geschafft haben?

Ich gebe es zu, ganz offen: ich habe meine journalistische Objektivitaet in den Wind geschossen und mir in den letzten Stunden vor der Wahl einen Button angeheftet und einen Stapel Adresszettel in die Hand druecke lassen. Zwei Stunden bevor die Wahllokale geschlossen wurden, stroemte die Kampagnenteams noch einmal aus, um jeden an seine Wahlpflicht zu erinnern. Durch die dunkler werdenden Strassen von Cleveland zu laufen und an schummrig beleuchteten Tueren zu klopfen in Vierteln, die normalerweise besser mit geschlossenen Fenstern durchquert werden, ist zwar nicht unbedingt die spektakulaerste Moeglichkeit, den letzten Abend auf einem Roadtrip zu verbringen, aber wenn es der Sache dient. Die meisten registrierten Waehler waren entweder nicht zuhause oder hatten bereits gewaehlt oder waren dermassen veraergert von drei taeglichen Besuchen und fuenf Anrufen der Kampagnen, dass sie einfach nur ihre Ruhe haben wollten. Trotzdem fuehlte ich mich wie ein kleiner Teil dieser Geschichte, als ich wieder ins Kampagnenbuero zurueckkam.

3 Responses to “Hope”

  1. ANiL writes:

    Hope won….we all won!
    Well done M to the ShizzlDizzl, well done buddy!
    Happy!

  2. reinhild writes:

    journalistische Objektivität und Engagement schließen sich nicht aus, finde ich - in so einem historischen Moment schon mal sowieso nicht; da müsstest Du ja ein Stein sein, nicht mitzuwirken!
    Klasse, Moritz!

  3. ayla writes:

    hast Du mir einen Button mitgebracht? Und meine schon gestern morgen ausverkaufte und nun bereits dreihunderttausendfach wertgesteigerte NY Times gekauft? Hast Du? Hast Du??

Leave a Reply