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Can we?

Diese Reise ist auch ein Rennen gegen die Zeit, zumindest, wenn man versucht, rechtzeitig zur grossen Wahlveranstaltung von Barack Obama in Cleveland zu kommen. Ohio ist einer der umkaempften Staaten, noch fuehrt Obama hier knapp, bei den letzten Wahlen hat allerdings Bush gewonnen. Wie in allen Swing States konzentrieren sich die Kampagnen auf diese Staaten, die noch unentschieden sind. Das bedeutet, dass Unmengen von Freiwilligen aus dem ganzen Land seit Wochen unermuedlich versuchen, die Unentschlossenen zum Waehlen zu bewegen, so wie mein Freund Mike aus New York, der seit zehn Tagen jeden Tag vierzehn Stunden auf den Beinen ist und hier in Cleveland von Tuer zu Tuer geht, um Waehler zu ueberzeugen.

Am Sonntag gab es fuer die erschoepften Wahlkaempfer neue Motivation, Obama kam in die Stadt, um eine Rede zu halten und hatte als musikalische Unterstuetzung den Boss persoenlich mitgebracht: Bruce Springsteen. Der Platz vor dem Sation der Cleveland Browns war schnell ueberfuellt und die meisten Zuschauer mussten die Rede vor den Leinwaenden verfolgen, die ausserhalb der Versammlung aufgebaut waren. Wir erreichten Cleveland gerade noch rechtzeitig, nachdem wir zwar die Zeitumstellung, nicht aber die Zeitzonen zwischen Chicago und Cleveland mit einberechnet hatten.

Ich erinnere mich noch gut an meine Eindruecke von der Obama Rede in Berlin, distanziert, professionell, sehr vorsichtig und nicht besonders inspirierend. Es waren die gleichen Eindruecke, die meine amerikanischen Freunde mitnahmen von der Siegessauele. Dieses Mal war es anders. Der Platz war voll von jungen Familien, schwarzen Collegestudenten, weisser Mitteschicht und aermeren Afroamerikanern.  Cleveland ist die aermste Stadt der USA, die Wirtschaftskrise hat die Menschen in der Auto und Stahlindustrie hier noch haerter getroffen als anderswo. Die Menschen hier brauchen die Hoffnung, die Obama ihnen verspricht.  Auch wenn die Rede inhaltlich nicht mehr besonders variiert von den so oft im Radio und Fernsehen ausgestrahlten Campaign Rallys, konnte man eine Energie spueren, die von dem Kandidaten ausging. Obama wirkte geloest und entspannt in diesen letzten Tagen vor der Wahl, obwohl die Erschoepfung bei ihm und seinem Team nach 21 Monaten Wahlkampf uneremesslich sein muss. “Ich fuehle mich ziemlich gut in diesen letzten Tagen,” erzaehlte Obama. Er scherzte ueber Dick Cheney der jetzt McCain unterstuetzt: “Ich gratuiere. Diese Unterstuetzung hat sich McCain hart und ehrlich verdient.” Und er feuerte die Menschen an, jetzt nicht nachzulassen, fuer die Kampagne Anrufe zu machen und Nachbarn zu ueberreden. “Two more days, two more days” riefen sie ihm aus der Menge zu.

Auch wenn sich die aus dem Stadion stroemenden Footballfans unter die Masse mischten und der ein oder andere Buhruf zu hoeren war, hatte ich diesmal tatsaechlich das Gefuehl, dass hier ein Politiker spricht, der die Menschen bewegen kann, der den so viel besprochenen Wechsel bewirken kann. Viele der angeschnittenen Ideen klingen vierlversprechen, beonders in Bezug auf Sozialleistungen und Bildung. Aber villeicht das Entscheidende ist, wieviele unterschiedliche Menschen dieser junge Politiker hinter sich versammeln konnte und dazu bringen konnte, sich fuer eine gemeinsame Sache einzusetzen. Obama machte sehr deutlich, dass nicht der Praesident alleine das Land veraendern wird sondern die Menschen selbst mithelfen muessen. Er sprach ueber erneuerbare Ernergien und die neuen Jobs, die damit verbunden waeren. Und er wiederholte seine Worte aus der  Rede, die ihn 2004 bekannt machte und die in diesem Jahr, in dem die Fronten so verhaertet sind, so akut und bezeichnend sind, wie niemals zuvor: “Es gibt kein rotes, es gibt kein blaues Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.” Es war fast ein bisschen 68er Stimmung, als Springsteen, der sich auch schon fuer John Kerry engagiert hatte und damit viele seiner republikanischen Blue Collar Fans einbuesste, “This land is your land” anstimmte und Cleveland mitsang.

Mike begegnete ich heute morgen kurz in der Kueche auf seiem Weg zum Canvassing, wie das von Tuer zu Tuer gehen bezeichnet wird. Er erzaehlte mir von Herbert, einem 62-jaehrigen schwarzen Vietnam Veteran, der jeden Tag mit ihm arbeitet. Gestern nach der Rally lief Herbert den ganzen Abend freudestrahlend durch das Buero und hielt seine Hand in die Hoehe: “Das ist die Hand, die der zukuenftige Praesident der USA geschuettelt hat, Freunde!” Und Obama? Der sprach selbstbewusst davon, dass er diese Wahlen mit Hilfe aller Freiwilligen und Waehler am Dienstag gewinnnen kann und  musste selbst kurz innehalten und laecheln, als seine Unterstuetzer ihn unterbrachen  mit seinen eigenen beruehmt gewordenen Schlagworten: “Yes we can! Yes we can!”

2 Responses to “Can we?”

  1. Jeanette writes:

    I’m glad you got to the rally! The energy and excitement of the people inspired by Obama is wonderful to be surrounded with. It really makes you believe that change can happen, and we can all do it together.

  2. reinhild writes:

    weiß nicht, ob Du bei dem schwindelerregenden Tempo dieser Tage überhaupt noch zurückblätterst in die comments zu den vorigen Berichten - ich war zwei Tage nicht im Netz und bin überwältigt über die Fülle der neuen Eindrücke, hochspannend und gleichzeitig kurzweilig und informativ zu lesen - Klasse! Ich bin auch ganz aufgeregt heute, was wir wohl im Laufe des Tages und heute Nacht erfahren werden! L.G.mum

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