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Naturtalent

Bei allem Hype über Amerika und wie das Land und die Leute in ihm so sind, vergisst man manchmal, dass es vor allem immer noch ein riesengroßes, sehr unterschiedliches und zum Teil auch noch wildes Land ist. Während der letzten Tage habe ich im Eiltempo die verschiedensten Landschaften durchquert und von Wüste über Weideland, Steppe, Gebirge und Felsentäler bis wieder in die Wüste die Bandbreite des amerikanischen Westens gesehen, auf den man hier ohne eigenen Zutuns so stolz ist. Auch im Jahr 2008 leben Menschen abseits von der Zivilisation, im Grundstein des amerikanischen Selbstbewusstseins: an der frontier. Der Ausdruck zeigt nicht nur den Gratwandel, den die Menschen hier seit Jahrhunderten im Kampf mit der Natur bestehen müssen, er umfasst auch die Ungreifbarkeit der Umgebung.

Eher zufällig begegnen mir auf meiner Reise einige der großen amerikanischen Sehenswürdigkeiten. Es sind die Naturlegenden, die jeder Amerikaner einmal gesehen haben muss und sei es nur aus dem Flugzeug. Nach den Ausläufern der Rocky Mountains erstreckt sich eine weite Ebene nach Westen und die gräsernen Täler erwecken Hoffnungen, vielleicht doch noch eine vergessene Bisonherde am Horizont zu entdecken. Stattdessen führt einen der Weg in bewaldete Hügel, die ein wenig an Südfrankreich erinnern und relativ abrupt tut sich in den Lichtungen neben der Straße ein enormer Abgrund auf. Der Grand Canyon, der im Gegensatz zu vielen anderen Naturwundern, die man aus Film und Fernsehen kennt, tatsächlich so gewaltig und überwältigend ist, dass Bilder es nur schwer wiedergeben können. Dieser rote Schlund den der Colorado River gegraben hat, ist ein amerikanischer Mythos.

Auf den Parkplätzen  finden sich dann auch die Nummernschilder fast aller amerikanischer Bundesstaaten. Selbst in der Nebensaison wollen zahlreiche Amerikaner sich der Großartigkeit ihrer Natur vergewissern. Es ist ein Ort, an den Väter ihre Söhne mitnehmen, eines der ältesten Touristenziele in den USA. Man kann im Informationscenter ein kleines Logbuch kaufen und sich an den großen Sehenswürdigkeiten einen Stempel geben lassen: Grand Canyon, Yellowstone, Mount Rushmore. Die Namen haben immer noch das Gefühl der Grand Nation aus den Fünzigern in sich, wie auch die Route 66, die mich schon seit ein paar Tagen parallel zu meinen Highways begleitet. Ein Roadtrip entlang dieser Sehenswürdigkeiten gehört zur amerikanischen Identität. Auf den Nummerschildern der geparkten Autos lassen sich zwar die verschiedensten Bundesstaaten finden, aber kein einziges Auto ist mit einem politischen Aufkleber versehen, sonst ein selbstverständliches Acessoir. Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber irgendwie scheinen die Amerikaner, die sich auf die traditionellen Spuren ihrer Nation begeben, eher politikverdrossen zu sein. Statt der Vizekandidaten Debatte beobachten sie lieber den kalifornischen Kondor im Grand Canyon.

3 Responses to “Naturtalent”

  1. malde writes:

    Hombreeee!Super interessante Berichte, bin gespannt auf mehr!Gruß aus Kiel, Malde

  2. lu kas writes:

    Nice! That’s something I think a lot of Europeans who would engage me in political discussions weren’t always aware of — how enormous the U.S. is as a nation and how many different people are contained within. And I don’t mean that in some kind of a “bigger is better” way, just that the sheer amount of different peoples, landscapes, traditions, etc. found in the U.S. make it a difficult place to accurately stereotype.

    Hope your travels are going well.

  3. Reinhild writes:

    Heute, am 10.10. erst, stieß ich auf Deine Übersicht über diesen Teil Deiner unglaublich weiten Reise. Schön zu lesen, was Du dabei alles beobachtet hast! Manchmal fällt mir zu Deiner Reise die Bemerkung vom reisenden John Steinbeck ein, der so wie Du, aber gegen den Uhrzeigersinn, durch sein Heimaltland gereist ist. Vor den letzten 3000km stellt er fest, dass eine Reise manchmal zu Ende ist, lange Zeit bevor man am Ziel ankommt, weil man einfach nichts mehr aufnehmen kann, Straße und Landschaften nur konturlos an einem vorbeirauschen. Ab da, sagt er, will man bur noch ganz schnell nach Hause. Das geht Dir hoffentlich noch lange nicht so, denn Du hast ja noch spannende Partien vor Dir. Good luck! mum

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