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Immigration

Die Schlange vor mir wird immer kürzer und langsam werde ich doch etwas nervös. Meine letzte Begegnung mit der US-Immigration verlief eher unfreundlich. Was, wenn sie mich nach dem Laptop und den zwei Kameras und dem Aufnahmegerät in meinem Rucksack fragen? Oder wenn ich doch eine der Fragen auf dem Visa Waiver falsch beantwortet habe? Der Polizist winkt mich an den Schalter, vorbei an dem Schild, auf dem steht, was sich die Grenzschützer vorgenommen haben: „Wir verpflichten uns, die Gäste der USA mit Anstand und Respekt zu behandeln.“ steht da zum Beispiel. Wollen wir es hoffen.

Aber tatsächlich fragt mich der trotz Pistole am Gurt freundliche ältere Officer nur nach meinen Plänen. Nimmt, Standard inzwischen, meine Fingerabdrücke und digitalisiert mein Gesicht ohne Kappe und Brille, so dass ich die Kamera kaum sehen kann und als keine Alarmsirenen schrillen, lässt es mich einreisen und ich stehe zum ersten Mal seit August 2000 wieder auf amerikanischem Boden.

Die niedrigen Brickbuildings, an denen die silberne U-Bahn vorbei rattert, sehen aus, wie ein Abziehbild des suburbanen Amerika. Mir gegenüber sitzen ein großer Afroamerikaner, der unter seiner Baseballkappe eingenickt ist, ein schwerer weißer Glatzkopf der über seiner Lektüre zum Gewichtheben immer wieder wegschlummert, eine Asiatin, die angestrengt in ihren Unterlagen liest, ein Südamerikaner im Unterhemd, der Schulter an Schulter mit einem beturbanten Inder schläft und mir fällt sofort wieder ein, was die Bewohner dieser Stadt verbindet: alle sind ständig müde. Als ich in Queens aus der Tiefe auf die Straße trete, empfängt mich New York mit der gleichen schwülen Hitze, die ich hier kennen gelernt habe, die ich allerdings jetzt nicht mehr erwartet hatte.

Anderes hat sich verändert, wie mir in Manhattan klar wird. In der altehrwürdigen Grand Central Station mit den wunderschönen Hallen und blank polierten Holzschaltern, vor denen es vor Betriebsamkeit hektisch summt, fällt es mir zuerst auf. Hier an diesem Ort, der das Gefühl von Reise und Aufbruch ausstrahlt, wie kaum ein anderer, hängen nicht nur zwei überdimensionale amerikanische Flaggen unter der Decke, sondern es laufen auch mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten in ihrer Wüstentarnuniform herum. Auch auf dem Time Square ist deutlich mehr Sicherheitspersonal unterwegs, als ich mich erinnern kann und mitten auf der Kreuzung steht ein Rekrutierungsbüro der US Army, über dessen Tür ein Video selbstvesichernd die Botschaft sendet „There’s nothing on this green earth we can’t do – US Army, the strongest Army in the world.“

Von Wahlen ist noch nicht viel zu sehen, erst nach und nach fallen mir Leuchtreklamen auf, die zur Wahl aufrufen oder die Nachrichtensendungen bewerben: „Seien sie diesmal von Anfang an mit dabei!“ Außerdem scheinen die “I Herz NY” T-Shirts nicht mehr nur als Tourimitbringsel beliebt zu sein, sondern werden auch von den New Yorkern selbst oft getragen. Als ein Feuerwehrtruck mit schrillen Sirenen an mir vorbei rauscht, jubelt die Frau neben mir den Helden vom 11. September laut zu. Es ist das bekannte, brummende, skurrile New York und doch ist es nicht mehr die gleiche Stadt, wie vor acht Jahren.

3 Responses to “Immigration”

  1. ANiL writes:

    I am goin to wear a turban in future ;-)
    Keep it up and have a good start in the god-blessed country!
    Best wishes from,
    A infront of the NiL

  2. Bieri writes:

    Olé Olé … von Anfang an dabei.
    Ich bin ein treuer Leser und Fan .. darf man das jetzt schon von sich behaupten ;-) ?!

  3. aylasattic writes:

    Schöner Text.

    Die New Yorker sind wirklich immer müde, vermutlich, weil es die ganze Zeit so schwül ist.

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