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Getting Pulled Over 101

„Was passiert genau, wenn man von der Polizei angehalten wird?“ frage ich Brian gerade, als hinter uns die Sirene aufleuchtet. Es ist einer dieser merkwürdigen Momente, in denen Karma sich einen spaßigen Moment gönnt. Dass Brian sich bemüht, mir bei allen möglichen Fragen und Problemen meiner Reise behilflich zu sein, war mir klar, dass er sogar das Gesetz überschreitet, um mir ein praxisnahes Beispiel für den amerikanischen Alltag zu geben, überrascht mich dann doch.

Von der Polizei angehalten zu werden, hat in den USA eine völlig andere Dimension als in Deutschland. Selbst gestandene Autofahrer mit blütenweißer Weste zittern, wenn sie im Rückspiegel das Blaulicht der Highwaypatrol entdecken. Brian hatte mir soeben die korrekte Verhaltensweise erklärt: Hände ans Steuer, nicht ungefragt im Handschuhfach kramen und hastige Bewegungen vermeiden – all das könnte als Griff zur Waffe interpretiert werden und mit sofortiger Erschießung enden.

Nun ist wie sovieles nicht nur das Verkehrsgesetz von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr verschieden, auch die Cops sind durchaus von unterschiedlichem Kaliber. Und wir befinden uns zum Glück nicht im tiefen Süden sondern auf der Rückfahrt von Amherst nach New York mitten im liberalen Connecticut. Brian kramt seinen Führerschein hervor, während der Polizist an das Auto herantritt. Keine Spiegelsonnenbrille und keine gezogene Waffe, aber wenigstens die obligatorische Taschenlampe, mit der er das Auto durchleuchtet. „Sie wissen, dass ihr Bremslicht nicht fuktioniert, oder?“ Brian nickt zerknirscht (Tipp Nr. 3: Lieber ein einsichtiges Schuldeingeständnis als als schnippische Verleumdung). Der Polizist verschwindet mit Führerschein und Fahrzeugschein und bleibt verschwunden. Und bleibt verschwunden…. und lässt uns sitzen und ich bin nur froh, dass ich ausnahmsweise meinen Reisepass im Rucksack habe, weil ich am Morgen Traveller Cheques eingetauscht hatte. Brian findet trotzdem, dass dies der netteste Polizist ist, den er je getroffen hat. Als er zurückkommt, Taschenlampe im Anschlag, guckt er nicht mehr ganz so freundlich. „Sie wissen, dass die Fahrerlaubnis vor sechs Wochen abgelaufen ist?“ Brian sieht jetzt etwas nervöser aus und ich bin immer noch froh, mich bei Nachfrage wenigstens ausweisen zu können. „Kennen Sie hier in der Gegend jemanden, der das Auto für Sie nach Hause fahren kann?“ Es ist spätabends, wir stecken mitten in der Pampa fest und es sieht so aus, als müssten wir den Truck von Brians Freundin nach New York zurückschieben. „Ich werd mal sehen, was sich machen lässt“ sagt der Statetrooper und verschwindet wieder in seinem Auto hinter dem mittlerweile ein zweiter Patrouillenwagen parkt.

Uns fällt ein, dass man meinen deutschen Führerschein vorzeigen könnte, aber nach Betrachtung des rosa Lappens und angesichts der Tatsache, dass es wahrscheinlich keine gute Idee wäre, rufend und mit einem Stück Papier wedelnd auf das Polizeiauto zuzulaufen (Tipp Nr. 4: Niemals aussteigen. Ich hab es einmal gemacht, als ich das erste Mal angehalten wurde und wär fast erschossen worden.) Wir beschließen also, erstmal den Vorschlag des Polizisten abzuwarten und den rosa Lappen als letzte Option zu behalten. Nach einer Zeitspanne, die sich wie eine Stunde anfühlt, tritt der Officer wieder an die Fahrertür, reicht Brian seine Unterlagen (und einen Strafzettel über 75 $) und erweist sich tatsächlich als nett. „Ich lass Sie weiterfahren aber sagen Sie ihrer Freundin, dass das Bremslicht repariert werden muss.“ Die beiden Polizeiautos verschwinden in der Nacht und Brian ist schon wieder zu Scherzen aufgelegt. „Das war das Praxisseminar „Getting Pulled Over 101“, ich hoffe, ich konnte dir alle Fragen beantworten.“

2 Responses to “Getting Pulled Over 101”

  1. ayla writes:

    Maybe he saw your hands slip briefly from the ten-and-two-o’clock position?

  2. Timo writes:

    Hey Moritz, was da schon wieder los ist!? Vielleicht hättest Du doch mal einen neuen Führerschein beantragen sollen!
    C ya in New York!

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